Latein-Online
Mittwoch, 19. Dezember 2018   
Publius Vergilius Maro, Aeneis. Buch II, Teil 2

Publius Vergilius Maro, Aeneis. Liber secundus

(lateinischer Text hier)

(Fortsetzung)

Und was die Sache angeht, dass sie jetzt mit dem Wind die mykenische Heimat erstreben, sie bereiten die Waffen und die Götter als Begleiter und sie werden, nachdem das Meer erneut durchfahren wurde, unvorhergesehen da sein; so deutet Kalchas die Vorzeichen. Ermahnt  haben sie dieses Abbild für das Palladium, für die verletzte Gottheit aufgestellt, das diesen traurigen Frevel sühnen würde. Kalchas hat befohlen, dennoch diese ungeheure Masse aus geflochtenem Eichenholz aufzustellen und zum Himmel herauszuführen, damit es nicht durch die Tore aufgenommen werden oder in die Stadtmauern geführt werden konnte, und damit es das Volk nicht unter der ehemaligen Verehrung schützen konnte. Denn wenn eure Hand die Geschenke der Minerva verletzt haben würde, dann würde großes Verderben (die Götter mögen dieses Zeichen vorher gegen ihn selbst wenden!) für das Reich des Priamus und die Phryger sein; wenn es aber durch eure Hände in eure Stadt hinaufgestiegen wäre, werde Asien von sich aus durch einen großen Krieg zu den Mauern des Pelops kommen, und dieses Schicksal erwarte unsere Enkel.“

Durch solche Hinterhalte und die Kunst des Meineides wurde die Sache des Sinon geglaubt, gefangen durch List und erzwungene Tränen diejenigen, die weder Diomedes noch Achilles aus Larissa, die zehn Jahre nicht unterworfen, nicht tausend Schiffe.

Hier wird etwas anderes Größeres und etwas, das zu fürchten ist, den Unglücklichen entgegen geworfen und mehr verwirrt die nichts ahnenden Gemüter.

Laocoon, durch das Los geführter Priester für Neptun, opferte einen ungeheuren Stier am festlichen Altar. Doch siehe da, von Tenedos durch die ruhige Tiefe (starr werdend berichte ich es) legen sich ein paar Schlangen mit ungeheuren Kreisen gleich auf das Meer und streben gemeinsam zur Küste; emporgerichtet die Brust derer zwischen den Fluten und die blutigen Mähnen überragen die Wellen, dahinter sammelt der übrige Teil das Meer und der ungeheure Rücken krümmt sich durch Windungen. Es ertönt ein Klang aus der aufgeschäumten See; und schon hielten sie das Ackerland und in Hinsicht auf die Augen mit Blut und Feuer unterlegt leckten sie die zischenden Münder mit schwingenden Zungen. Blutlos zerstreuen wir uns beim Anblick. Jene gehen mit sicherem Marsch auf Laocoon los; und zuerst verwickelt jede der beiden umschlingenden Schlangen die kleinen Körper der beiden Kinder und mit einem Biss verzehren sie die armen Gliedmaßen; danach ergreifen sie ihn zur Hilfe Heraneilenden und eine Waffe Tragenden selbst und binden ihn in furchtbaren Windungen; und nachdem sie schon zweimal die Mitte umwickelt, überragen sie mit Kopf und hohem Nacken, nachdem sie hinsichtlich des schuppigen Rückens dem Hals zweimal herumgegeben worden sind.

Zugleich bemüht sich jener mit den Händen die Knoten loszureißen, hinsichtlich der Kopfbinden von Eiter und schwarzem Gift übergossen, und gleichzeitig erhob er ein entsetzliches Geschrei zu den Sternen. Gleichwie beschaffen das Gebrüll ist, wenn ein verwundeter Stier vor dem Altar geflohen ist und das unsichere Beil vom Nacken abgeschüttelt hat. Die Zwillingsschlangen jedoch entfliehen durch Gleiten zu den höchsten Tempeln und streben zur Burg der wilden Tritonia und unter den Füßen der Göttin und unter dem Kreis des Rundschildes bedecken sie sich. Dann aber geht durch die erschütterten Seelen aller eine neue Scheu, sie führen an, dass Laocoon das Verbechen verdient gebüßt habe, der das heilige Holz mit dem Spieß verletzt habe und die durch Frevel entweihte Lanze in den Rücken hineindrehte. Sie rufen laut, das Heiligtum zum Sitz der Göttin zu führen und den göttlichen Willen zu erbitten. Wir teilen die Mauern und öffnen die Befestigung der Stadt. Alle machen sich ans Werk und setzen das Gleiten der Räder unter die Füße und spannen Bänder aus Hanf um den Hals; die vom Schicksal bestimmte, mit Waffen schwangere Maschine steigt die Mauern auf. Ringsum singen Jungen und unverheiratete Mädchen Heiliges und freuen sich, das Seil mit der Hand zu berühren; jene steigt empor und gleitet drohend in die Stadtmitte. O Vaterland, o göttliches Haus Illion und viel im Krieg genannte Mauern der Dardaner! Viermal blieb es genau an der Schwelle des Tores stehen und viermal gaben die Waffen im Unterleib einen Knall; dennoch lassen wir nicht ab, vergesslich und blind vor Wahnsinn und stellen das unglückliche Ungeheuer in die geheiligte Burg. Dann öffnet auch Cassandra den Mund für das zukünftige Schicksal, dem niemals geglaubt worden ist von den Teukrern auf Befehl des Gottes. Wir Elenden, weil für jene der letzte Tag gewesen war, bekleiden durch die Stadt die festlichen Tempel der Götter mit Laub.

Inzwischen wendet sich der Himmel und die Nacht stürzt auf den Ozean, während sich der große Schatten auf das Land und den Pol und die myrmidonische List hinaufwälzt. Die durch die Stadt ausgedehnten Teukrer schwiegen; tiefer Schlaf umfasst die erschöpften Glieder.

Und schon kam die argivische Schlachtreihe mit aufgereihten Schiffen von Tenedos, durch die freundliche Stille des schweigenden Mondes zu den bekannten Küsten strebend, als plötzlich das königliche Schiff die Flammen emporgetragen hatte, und durch das ungerechte Schicksal der Götter verteidigt, lockert Sinon verstohlen den fichtenen Verschluss und befreit die im Unterleib eingeschlossenen Danaer. Das geöffnete Pferd gibt jene wieder zur Luft und froh kommen aus der eichenen Höhle die Anführer Thessandrus und Sthenelus und der unheilvolle Odysseus hervor, durch ein hinabgelassenes Seil gleitend, Acamas und Thoas und der Pelide Neoptolemus und als Anführer Machaon und Menelaus und selbst der Bildner der List Epeos. Sie dringen in die Stadt ein, nachdem sie von Schlaf und Wein bestattet ist. Sie töten die Wächter und empfangen alle Bundesgenossen durch die offen stehenden Tore und vereinigen sich bewusst zu Heereszügen.

Es war Zeit, wo für die kranken Sterblichen die erste Ruhe beginnt und sehr angenehm durch das Geschenk der Götter schleicht. Im Schlaf, siehe da, erschien mir der sehr traurige Hector vor Augen da zu sein und reichlich Tränen auszugießen, wie einst vom Zweigespann weggeschleppt und schwarz durch blutigen Staub und von Riemen durchbohrt die geschwollenen Füße. Weh mir, wie beschaffen war er, wie sehr verändert im Vergleich zu jenem Hector, der geschmückt mit der Rüstung des Achilles zurückkehrt oder der phrygische Feuer auf die Schiffe der Danaer warf! Den rauen Bart und mit Blut verdichtetes Haar und jene Wunden tragend, die er in sehr großer Zahl rings um die heimatlichen Mauern empfangen hat. Überdies schien ich selbst weinend den Mann anzureden und traurigste Worte hervorzuholen: „O Dardanias Licht, o treueste Hoffnung der Teukrer, was für große Verzögerungen hielten dich auf? Von welchen Küsten kommst du, erwarteter Hector? Wie erblicken wir ermüdend dich nach vielen Leichenbegräbnissen der deinen, nach verschiedenen Mühen der Menschen und der Stadt! Welcher schlimme Grund verunstaltete das heitere Gesicht? Oder warum sehe ich diese Wunden?“

Jener sagt nichts, und beachtet mich Inhaltloses Fragenden nicht, aber schwer aus der untersten Brust seufzend sagte er: „Flieh, durch eine Göttin Geborener, und entreiße dich diesen Flammen. Der Feind hält die Mauern; das hohe Troja stürzt von den höchsten Höhen. Es wurde genug für das Vaterland und Priamos gegeben: Wenn die Burg von Troja durch einen Arm verteidigt werden könnte, wäre es auch durch diese verteidigt worden. Troja vertraut dir seine Heiligtümer und die Penaten an; nimm diese als Begleiter des Schicksals und suche große Mauen für diese, die du, nachdem du die Meere durchirrt hast, schließlich aufstellen wirst.“ So sprach er und trägt mit den Händen die Kopfbinden, die mächtige Vesta und das ewige Feuer aus dem innersten Allerheiligsten.

Inzwischen werden die Mauern mit verschiedener Trauer gemischt, und der Lärm wird mehr und mehr lauter, obwohl das Haus des Vaters Anchises abgesondert zurückgewichen war und durch Bäume schützend bedeckt wurde, und der Schrecken der Waffen stürzt her. Ich werde aus dem Schlaf aufgeweckt und steige auf den höchsten Giebel des Daches hinauf und stehe mit gespitzten Ohren: Wie wenn die Flamme in das Saatfeld während wütendem Südwind hineinstürzt, oder der reißende Bach mit den Bergfluten die Äcker niederstreckt, die üppige Saat und die Mühen der Rinder niederlegt und den herabstürzenden Wald wegzieht; von dem hohen Gipfel eines Felsens staunt der unwissende Hirte über den Wirbel, während er das Tosen empfängt. Dann aber war der Beweis offenbar, und die Fallen der Danaer öffnen sich. Schon gab das große Haus des Deiphobos den Sturz, während Vulcanus es unter sich bringt, schon brennt der nächste Ukalegon; weit leuchtet die sigeische Meerenge vom Feuer zurück.

Geschrei der Männer erhebt sich und das Schmettern der Trompeten. Außer mir nehme ich die Waffen; und es ist nicht genug Vernunft in den Waffen, aber die Schar für den Kampf zu einer Kugel aufzustellen, und mit den Begleitern in die Burg zu laufen entbrennen die Geister; Wut und Zorn stürzen den Verstand, und es kommt in den Sinn, dass es schön sei, in Waffen zu sterben.

Doch sieh da, der den Waffen der Achiver entronnene Panthus, der Othryade Panthos, Priester der Burg und des Phoebos, zieht selbst die Heiligtümer, die besiegten Götter und den kleinen Enkel mit der Hand und eilt wahnsinnig im Lauf zur Schwelle. „An welchem Ort ist die höchste Sache, Panthus? Welche Burg halten wir?“ Kaum als ich dieses gesagt hatte, antwortet er mit einem solchen Seufzer: „Der letzte Tag ist gekommen und die unabwendbare Zeit der Dardaner. Wir sind Troer gewesen, es war Illion und war ungeheuer groß der Ruhm der Teukrer; der wilde Iuppiter hat alles nach Argos hinübergetragen; die Danaer herrschen in der angezündeten Stadt. Das steil dastehende Pferd ergießt Bewaffnete inmitten der Stadtmauern und als Sieger legt Sinon verspottend Feuer. Die einen sind durch die doppelt geöffneten Tore da, wie viele Tausende jemals aus dem großen Mykene gekommen waren; andere haben die Engen der Wege mit feindlichen Waffen belagert; die gezückte Schärfe der Waffe steht mit schwankendem Degen, bereit für den Tod; kaum versuchen die ersten Wächter der Tore den Kampf und widersetzen sich kaum, wobei Mars blind ist.“

Durch solches Gesagtes des Othryaden und durch den Willen der Götter stürze ich mich durch die Flammen in die Waffen, wo die grimmige Erinys, wo das Getöse ruft und Geschrei zum Äther hinaufsteigt. Als Gefährten fügen sich hinzu Rhipeus und der mit Waffen sehr große Epytus, die mir durch den Mond begegnet sind, und sowohl Hypanis als auch Dymas schließen sich unserer Seite an, und der jugendliche Mygdonide Coroebus – er war zufällig in jenen Tagen nach Troja gekommen, weil er durch wahnsinnige Liebe für Cassandra entbrannt war und versuchte als Schwiegersohn Hilfe für Priamus und die Phrygier zu bringen, der Unglückliche, der die Vorschrift der wütenden Braut nicht gehört hat!

Als ich sah, dass diese Zusammengeschlossenen in der Schlacht brennen, begann ich darüber hinaus noch dies zu sagen: „Junge Leute, vergeblich sind sehr tapfere Herzen, wenn euch der sichere Wunsch ist, dem, der das Letzte wagt, zu folgen, seht ihr, welches Schicksal den Dingen ist.

Alle Götter, für welche dieses Reich gestanden hatte, haben die Allerheiligsten und zurückgelassenen Altäre verlassen; ihr eilt der brennenden Stadt zur Hilfe. Wir sollen uns mitten in die Waffen stürzen und sterben. Das einzige Heil für die Besiegten ist auf kein Heil zu hoffen.“

So wurde Wut den Herzen der jungen Männer beigefügt. So wie die Wölfe als Räuber im schwarzen Nebel, die der rasende Hunger blind herausgetrieben und die verlassenen Jungen mit trockenem Rachen erwarten, so gehen wir von dort durch Geschosse, durch Feinde in den unzweifelhaften Tod und halten den Weg der mittleren Stadt; die schwarze Nacht umfliegt uns mit einem umhüllenden Schatten. Wer kann die Niederlage jener Nacht, wer die Leichenbegängnisse durch Reden erklären oder die Mühen durch Tränen ausgleichen? Die alte Stadt, die durch viele Jahre geherrscht hat, stürzte ein; und so viele träge Körper  bedecken allenthalben die Wege und Häuser umher und auf den frommen Schwellen der Götter. Und die Teukrer geben nicht allein mit Blut die Strafen; einst kehrt auch die Tapferkeit zurück den Besiegten in die Brust und die siegreichen Danaer fallen. Überall grausame Trauer, überall Zittern und sehr viele Bilder des Todes.

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