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Donnerstag, 19. Oktober 2017   
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Marcus Tullius Cicero

Marcus Tullius Cicero, Pro Marcello (14-34)

(lateinischer Text hier)

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(14) Ich habe jedoch immer geglaubt, dass in diesem Krieg vom Frieden gehört werden muss und ich habe immer nicht nur den Frieden bedauert, sondern auch dass die Frieden fordernde Rede der Bürger zurückgewiesen wurde. Denn ich folgte weder jener noch jemals irgendeiner Bürgerkriegspartei und immer waren meine Ratschläge bezogen auf Frieden und Gewaltlosigkeit, nicht auf Krieg und Waffen. Ich bin dem Menschen aus persönlicher Gefälligkeit gefolgt, nicht aus öffentlicher, und so viel vermochte bei mir der Dank des Geistes der Treuen Erinnerung, sodass ich nicht nur ohne Begierde, sondern auch ohne Hoffnung als vorausblickender und wissender in den freiwilligen Untergang stürzte.

(15) Dieser mein Entschluss war jedoch keineswegs verborgen. Denn auch in dieser Versammlung habe ich, als die Lage es noch zuließ, viel vom Frieden gesprochen und selbst im Krieg dasselbe auch als ich in Lebensgefahr war vertreten. Deshalb wird niemand ein so ungerechter Beurteiler der Sache sein, dass er anzweifelt, was der Wille Caesars aus dem Krieg war, weil er die Urheber des Friedens sofort als Rettende beschloss, den übrigen aber zorniger war. Auch war dieses damals vielleicht weniger verwunderlich, als das Ende ungewiss und das Kriegsglück unentschieden gewesen ist. Der Sieger aber, der die Vertreter des Friedens schätzte, der zeigte sicherlich, dass er lieber nicht kämpfen sondern siegen wollte.

(16) Auch bin ich gewiss Zeuge dieser Sache für Marcus Marcellus. Unsere Gedanken nämlich stimmten, wie immer im Frieden, so dann auch in Krieg überein. Wie oft habe ich ihn mit wie großem Schmerz gesehen, während er die Willkür gewisser Menschen und dann auch die Wildheit des Sieges selbst sehr fürchtete. Umso willkommener muss deine Großzügigkeit, C. Caesar, für uns, die wir jenes gesehen haben, sein. Denn jetzt müssen nicht die Standpunkte unter sich, sondern die Siege verglichen werden.

(17) Wir haben deinen durch den Ausgang der Schlachten begrenzten Sieg gesehen. Wir haben das Schwert ohne Scheide in der Stadt nicht gesehen. Wir haben die Bürger verloren, die die Kraft des Mars zerschmettert hat, nicht der Zorn des Sieges, sodass niemand zweifeln muss, dass C. Caesar viele, wenn er könnte, von der Unterwelt erwecken würde, weil er aus derselben Schlachtreihe rettet, wen er kann. Ich sage nichts weiter als das, was wir alle befürchteten, nämlich das der Sieg der anderen Partei überaus zornerfüllt gewesen wäre-

(18) Gewisse Leute nämlich drohten nicht nur den Bewaffneten, sondern bisweilen auch den Friedlichen und sie sagten, dass man nicht überlegen dürfe, was jemand gemeint hat, sondern auf welcher Seite er gewesen sei; folglich scheinen mir jedoch die unsterblichen Götter, auch wenn sie die Strafen vom römischen Volk wegen irgendeines Vergehens forderten, die einen so großen und solch tränenreichen Bürgerkrieg entfachten, entweder weil sie schon besänftigt oder befriedigt waren, irgendwann die ganze Hoffnung auf Rettung auf die Milde und Weisheit des Siegers übertragen haben.

(19) Deshalb freue dich über dieses dein so hervorragendes Gut und genieße sowohl Glück als auch Ruhm, so auch deine Natur und Sitten; Daraus ist dies freilich der größte Gewinn und die Annehmlichkeit für den Weisen. Wenn du aller übrigen Taten erinnern wirst, auch wenn du es sehr oft der Tugend tust, wirst du trotzdem am meisten deinem Glück danken: Wie oft du an uns, von denen du wolltest, dass sie zugleich mit dir in der Republik sind, denken wirst, so oft wirst du an deine sehr großen Wohltaten, so oft an deine unglaubliche Großzügigkeit, so oft an die einzigartige Weisheit denken: Dieses sind nicht nur die höchsten Güter, sondern ohne Zweifel wage ich sogar zu sagen, die einzigen. So groß nämlich ist der Glanz im wahren Ruhm, so groß die Würde in der Größe des Geistes und des Beschlusses, dass dieses von der Tugend geschenkt, die Übrigen vom Glück geliehen zu sein scheinen.

(20) Ermüde also nicht bei der Rettung der guten Männer, besonders wenn sie nicht durch irgendeine Begierde oder Schlechtigkeit gefallen sind, sondern vielleicht aus Pflicht durch eine törichte Meinung, und gewiss nicht durch eine unredliche, und durch eine gewisse Vorstellung der Republik. Es ist nicht irgendeine Schuld von dir, wenn dich irgendwelche gefürchtet haben, dagegen ist es größtes Lob, dass sie merkten, dass sie dich keineswegs fürchten mussten. 

(21) Jetzt komme ich zu deiner schwerwiegendsten Klage und deinem schärfsten Verdacht, der nicht von dir selbst mehr als von allen Bürgern, als auch am meisten von uns, die wir von dir gerettet worden sind, berücksichtigt werden muss: Auch wenn ich hoffe, dass diese falsch sei, werde ich sie dennoch niemals abschwächen. Deine Sicherheit nämlich ist unsere Sicherheit. Wenn man aber beim einen oder anderen einen Fehler machen müssen sollte, soll ich lieber allzu furchtsam erscheinen als wenig klug. Aber wer ist denn dieser so wahnsinnige? Einer von deinen? - Jedoch welche sind mehr dein, als welche du entgegen ihrer Hoffnung durch deine Wohltat zurückgegeben hast? - Oder einer aus der Zahl, die zusammen mit dir gewesen sind? Ein so großer Wahnsinn bei irgendeinem ist unglaubhaft, dass, unter dieser Führung er das Höchste von allem erreicht hat, er nicht dessen Leben seinem eigenen vorziehe. Oder wenn deine nicht an Verbrechen denken, muss man nicht aufpassen, dass nicht irgendwelche Feinde an Verbrechen denken? Welche? Alle nämlich, die gewesen sind, haben entweder durch ihre Hartnäckigkeit das Leben verloren oder sind durch dein Mitleid erhalten, sodass entweder keiner von den Feinden übrig ist, oder, die es gewesen sind, beste Freunde sind.

(22) Aber dennoch, weil es in den Seelen der Menschen solche geheimen Gedanken gibt und solche Abgründe, sollen wir allerdings deinen Verdacht stärken. Denn zugleich werden wir die Achtsamkeit stärken. Denn wer ist aller Dinge so unwissend, so unerfahren in der Republik, so nichts denkend jemals weder über das eigene, noch  über das Wohl der Gemeinschaft, der nicht erkennt, dass sein eigenes durch dein Wohl erhalten wird und einzig von deinem Leben und das aller abhängt? Ich allerdings denke an dich Tag und Nacht, wie ich es schulde, gerate ich allerdings denkend an das menschliche Unglück und die Unsicherheit der Gesundheit und die gemeinsame Zerbrechlichkeit der Natur in Furcht und bedaure, weil der Staat unsterblich sein muss, dass dieser auf dem Leben eines einzigen sterblichen beruht.

(23) Wenn aber zu den menschlichen Unglücken und den ungewissen Vorgängen der Gesundheit auch eine Verschwörung des Verbrechens und der Anschläge passiert, welchem Gott, wenn er wünscht, dem Staat zu helfen, könnten wir vertrauen? Alles muss von dir allein, C. Caesar, aufgerichtet werden, von dem du meinst, dass es durch den Schlag des Krieges selbst, welcher notwendig war, erschüttert und niedergeworfen darniederlag: Das Gericht muss aufgestellt werden, die Treuen müssen zurückgerufen werden, die Lüste müssen zurückgehalten werden, der Nachwuchs muss fortgepflanzt werden, alles, was sich schon auflösend auseinander floss muss durch deine strengen Gesetze gefesselt werden.

(24) Es ist nicht zu verhindern gewesen, in einem so großen Bürgerkrieg, in einer so großen Hitze der Gemüter und der Waffen, dass der heftig geschüttelte Staat, wie auch immer der Ausgang des Krieges gewesen wäre, viel verlieren würde, sowohl den Schmuck der Würde als auch den Schutz seiner Festigkeit, und vieles würden beide bewaffneten Führer machen, was dieselben als Privatmänner verhindert hätten, dass es geschehe. Diese ganzen Wunden des Krieges müssen nun jedenfalls von dir geheilt werden, die außer dir niemand heilen kann.

(25) Deshalb habe ich jenen deinen sehr berühmten und sehr weisen Ausspruch ungern gehört: ‚Lange genug habe ich gelebt, sowohl für die Natur, als auch für den Ruhm.‘ Genug, wenn du so willst, vielleicht für die Natur, auch will ich hinzufügen, wenn es gefällt, für den Ruhm: Aber, was am größten ist, für das Vaterland gewiss zu wenig. Ich bitte dich, gib diese Klugheit der gebildeten Menschen bei der Verachtung des Todes mit dieser Sache auf: Sei nicht weise zu unserer Gefahr. Oft nämlich kommt es mir zu Ohren, dass du dieses selbe da allzu häufig sagst, dass du genug für dich gelebt hast. Ich glaube es, aber würde das erst dann hören, wenn du für dich allein leben würdest oder wenn du auch für dich allein geboren sein würdest. Deine Taten haben das Wohl aller Bürger und den ganzen Staat umgeben; so sehr bist du von der Vollendung der größten Werke entfernt, dass du noch nicht die Grundlagen, die du erdenkst, errichtet hast. Wirst du hier das Maß deines Lebens nicht mit dem Wohl des Staates, sondern mit Gleichgültigkeit begrenzen? Was, wenn das nicht einmal für Ruhm genug ist? Dass du dessen sehr begierig bist, wirst du nicht verneinen, auch wenn du noch so weise sein magst.

(26) Werde ich, magst du sagen, zu wenig Großes zurücklassen? Im Gegenteil, für andere mehr als genug, für dich allein zu wenig. Denn was auch immer nämlich ist, wie groß es auch sei, das ist zu klein, ganz besonders wenn es irgendwas Größeres gibt. Wenn dieses hier das zukünftige Ende deiner unsterblichen Dinge war, Gaius Caesar, dass du, nachdem die Gegner besiegt worden waren, den Staat in diesem Zustand zurücklässt, in dem er jetzt ist, erkenne, ich bitte dich, dass nicht deine göttliche Tugend mehr der Verwunderung haben wird, als des Ruhmes; jedenfalls wenn der Ruhm der Großen erleuchtet und weit verbreitet ist, der der Verdienten entweder bei den eigenen Mitbürgern oder im Vaterland oder im ganzen Menschengeschlecht liegt.

(27) Dieser Teil also ist für dich übrig; diese Tätigkeit bleibt zurück, an diesem muss gearbeitet werden, damit du den Staat festigst und du als erster diese höchste Ruhe und Muße ganz genießt: Dann magst du, wenn du willst, wenn du sowohl vom Vaterland, was du musst, losgelöst sein wirst, als auch die Natur selbst durch die Sättigung des Lebens vollendet haben wirst, sagen, dass du lange genug gelebt hast. Was nämlich ist dieses lange selbst, bei irgendetwas, in dem ein Ende ist? Wenn dieses kommt, ist alle vergangene Freude nichtig, weil später nichts zukünftig ist. Obwohl dieser dein Geist niemals mit dieser Enge, die die Natur uns zum Leben gab, zufrieden war, brannte er immer durch die Liebe zur Unsterblichkeit.

(28) Aber dies ist nicht dein zu führendes Leben, das durch den Körper und Geist erhalten wird. Jenes, sage ich, jenes Leben ist deines, das lebenskräftig sein wird in der Erinnerung aller Jahrhunderte, das die Nachwelt nähren wird, das selbst die Ewigkeit immer schützen wird. Diesem sollst du dienstbar sein, diesem ist es nötig, dass du dich beweist, was jedenfalls scheint, dass es schon längst viel hat. Nun erwartet es auch, was es loben wird. Gewiss werden die Nachfahren über deine Amtsbefehle, die Provinzen, den Rhein, den Ozean, den Nil, deine unzählige Kämpfen, deine unglaublichen Siege, deine Bauwerken, deinen Geschenke und deine Triumphe hörend und lesend erstarren.

[29] Aber wenn diese Stadt nicht durch deine Beschlüsse und Vorhaben gefestigt wird, wird bald dein Name weit und breit umherschweifen, einen festen Sitz und eine sichere Wohnung wird er nicht haben. Es wird auch unter diesen, die geboren werden, so wie es unter uns gewesen ist, eine große Uneinigkeit sein, wenn die einen durch Lobreden deine Taten zum Himmel erheben werden, die anderen vielleicht irgendetwas verlangen werden, und am meisten besonders das, wenn du nicht das Feuer des Bürgerkrieges durch die Rettung des Vaterlandes ausgelöscht haben wirst, sodass es scheint, dass jenes des Schicksals gewesen ist, dieses hier des Beschlusses. Diene also diesen Richtern, die nach vielen Jahrhunderten über dich urteilen werden und jedenfalls - ich weiß nicht, ob - unvoreingenommener sein werden als wir; denn sowohl ohne Liebe, als auch ohne Begierde und andererseits ohne Hass und ohne Neid werden sie urteilen.

(30) Wenn dich das jedoch nicht betrifft, wie gewisse fälschlicherweise glauben, betrifft es dich nun gewiss, dass du so beschaffen bist, dass deine Lobreden verdunkelt werden und es niemals ein Vergessen gebe. Die Wünsche der Bürger waren entgegengesetzt und die Meinungen zerrissen. Nämlich nicht nur durch Pläne und Eifer, sondern auch durch Waffen und Lager waren wir uneinig. Es war eine gewisse Dunkelheit, es war ein Streit zwischen den berühmtesten Führern; viele zweifelten, was das Beste gewesen wäre, viele, was sie für sich retten würden, viele, was sich geziemte und einige, was erlaubt sei.

(31) Der Staat hat diesen elenden und vom Schicksal bestimmten Krieg überstanden: Der hat gesiegt, der nicht seinen Hass durch das Schicksal entflammte, sondern durch Rechtschaffenheit linderte; und nicht alle dieselben, denen er zürnte, beurteilte er des Exils oder des Todes für würdig. Die Waffen wurden von den einen niedergelegt, von den anderen wurden sie geraubt. Ein undankbarer und ungerechter Bürger ist der, der von der Gefahr der Waffen befreit dennoch einen bewaffneten Geist zurückbehält, sodass auch jener besser sei, der in der Schlachtreihe gefallen ist, der aus einem Grund das Leben aufopferte. Dieses nämlich von manchen als Hartnäckigkeit, dasselbe von anderen als Standhaftigkeit gesehen werden.

(32) Aber schon wurde jede Uneinigkeit mit Waffen gebrochen, ausgelöscht durch die Gerechtigkeit des Siegers: es bleibt übrig, dass alle das eine wollen, die nicht nur irgendetwas an Weisheit, sondern auch an Besonnenheit haben. Wenn du, Caesar, nicht wohlbehalten und in dieser Meinung, die du sowohl früher als auch besonders heute am meisten gebraucht hast, bleibst, können wir nicht wohlbehalten sein. Aufgrund dieser Sache fordern wir dich alle, die wir wollen, dass dieses wohlbehalten sei, auf und beschwören dich, dass du dich um dein Leben, dass du dich um dein Wohl sorgst, und wir alle, damit ich für die anderen spreche, was ich bei mir selbst meine, versprechen dir, weil du ja glaubst, dass irgendetwas nahe sei, wovor man sich hüten müsse, nicht nur Wachen und Wächter, sondern auch das Entgegenstehen unserer Seiten und Körper.

(33) Aber damit die Rede in demselben begrenzt wird, woher sie entsprang, geben wir dir größten Dank, Gaius Caesar, und haben sogar größeren. Denn alle fühlen dasselbe, was du aus den Bitten und Tränen aller fühlen konntest. Aber weil es nicht allen Stehenden notwendig ist zu sprechen, wollen sie sicher, dass von mir gesprochen werde, dem es auf gewisse Weise nötig ist und was zu geschehen ziemt, nachdem Marcus Marcellus von dir diesem Stand und dem Römischen Volk und dem Staat zurückgegeben worden ist, ich erkenne, dass es geschieht. Denn ich fühle, dass alle sich freuen nicht wie über die Rettung eines einzigen allein, sondern wie über die Rettung aller.

(34) Dass es aber das höchste Wohlwollen ist, welches meines jenem gegenüber ist, war immer allen bekannt, damit gab ich kaum Gaius Marcellus, dem besten und liebevollsten Bruder, außer ihm gewiss niemandem nach, weil ich das durch Besorgnis, Sorge und Mühe so lange bewiesen habe, wie lange über das Wohl dessen gezweifelt worden ist, muss ich sicher in dieser Zeit von großen Sorgen, Beschwerlichkeiten und Schmerzen befreit beweisen. Deshalb, Gaius Caesar, danke ich dir so, dass ich mit allen Dingen von dir nicht nur bewahrt, sondern auch geschmückt wurde, dennoch kamen zu deinen mir allein gegenüber unzählbaren Verdiensten, was ich nicht mehr glaubte, dass es geschehen könne, durch diese deine Tat ein großes Übermaß hinzu.